DAS KARUSSELL

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Es ist wieder Weihnachtsmarkt in Osnabrück. Nicht nur halb Holland ist hier: Auch meine halb-holländische Tochter fährt zum ersten Mal im Leben Karussell. Sie dabei zu beobachten, zählt ab jetzt zu den schönsten Momenten meines Lebens.

Aus diesem Anlass lasse ich meinen Lieblingsdichter davon sprechen. Mitsamt ein paar Worten, die mir dazu einmal aus der Feder entfleucht sind. Viel Freude damit, und eine melancholisch-besinnliche Adventszeit!

Rilke schrieb „Das Karussell“ im Juni 1906, anderthalb Jahre vor Freuds erster Vorlesung über den Dichter und das Phantasieren. Es zeigt, wie Rilke das Thema von den bescheideneren Anfängen, wie dem ersten der Gedichte namens „Kindheit“, zu wirklicher Dichtung geführt hat. Die „Abwege“, die „ins Gestrüpp der Biographie, in die Untiefen der Autor-Psyche“ führen,[1] endeten „auf fernentlegnen / Wegen“ noch ebendort; im Karussell führen sie wesentlich weiter, führen gar ins Wesentliche, nämlich in den Nachvollzug des Erlebnisses durch den Leser, in einer, wie Durs Grünbein es nennt, „Direktübertragung […] aus Kindertagen“.[2] Der Verlust der Kindheit, brutal zementiert im Tod eines Elternteils (Rilkes Vater war unlängst gestorben) wird hier sicher betrauert, aber die das Gedicht durchdringende Melancholie kommt von weiter her. Laut Freud war in „dem Land,/ das lange zögert, eh es untergeht“[3] Tagträumen noch nicht mit Schuld behaftet; besonders nicht mit der Art von Schuldgefühlen, die aufkommen mögen, wenn man den eigenen Vater nicht auf konventionelle Art betrauert, sondern seine Emotionen in Kunst verwandelt – indem man sie zur Sprache bringt und ihnen damit den Schrecken des Formlosen nimmt. Zieht Rilke in „Das Karussell“ seine künstlerische Kreativität heran, um in einer „einzigartigen Form-und-Inhalt-Fusion“[4] typisch für die Ding-Gedichte zu beschreiben, was er als Kind nicht kreativ leben konnte – wie Freud es wiederum in „Der Dichter und das Phantasieren“ beschreibt?

DAS KARUSSELL

Jardin du Luxemburg

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur daß er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand,
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber –

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, daß es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel…

„Das Karussell“ stammt offensichtlich aus der Feder eines Zeitgenossen von Freud,[5] der gar mit den revolutionäreren Ideen des Vaters der Psychoanalyse gut hätte vertraut sein können – Rilkes später Andreas-Salomé gegenüber bekundete Abneigung gegen Freud und teilweise auch „die Sache, die mit ihm durchgeht“ einmal dahingestellt. Nur ein Jahr zuvor, in den 3 Abhandlungen von 1905, hatte Freud die Ansicht, dass Kinder keinen Sexualtrieb haben, einen „folgenschwere[n] Irrtum“ genannt.[6] Weniger durchsetzungsfähig war zum Glück der folgende Auszug: „Das Kind verhält sich hierin nicht anders als etwa das unkultivierte Durchschnittsweib, bei dem die nämliche polymorph perverse Veranlagung [die die Dirne dann für ihre Berufstätigkeit ausbeutet] erhalten bleibt.“[7] Seinen Beschluss, dass fast jedes „Durchschnittsweib“ Prostituiertenmaterial sei (selbst der entschiedenste Befürworter der Barthes- und Foucaultschen Theorie des „toten Autors“ wird den Einfluß des bürgerlichen fin-de-siècle Wiener Umfelds auf solche misogynen Absurditäten kaum abstreiten wollen), macht Freud dann jedoch mit der folgenden Modifikation gleichsam wieder gut:

Bei der riesigen Anzahl der prostituierten Frauen und solcher, denen man die Eignung zur Prostitution zusprechen muß, obwohl sie dem Berufe entgangen sind, wird es endgültig unmöglich, in der gleichmäßigen Anlage zu allen Perversionen nicht das allgemein Menschliche und Ursprüngliche zu erkennen.

Im Gedicht findet sich tatsächlich das sozusagen Freudsche Thema der kindlichen Sexualität wieder, allerdings in buchstäblich gezügelter Form. Die Tiere auf dem Karussell sind zwar „böse“ oder zeigen „Zähne und Zunge“, wie der rote Löwe, sind aber „an Wagen angespannt“. Der Hirsch ist „ganz wie im Wald/ nur daß er einen Sattel trägt und drüber ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.“ Ob Rilke es so intendierte oder nicht – das Farbschema selbst spielt mit dem populären Begriff von kindlicher „Reinheit“. Jene scheint nämlich gleichsam beständig im Begriff, von der Fahrt auf dem stets schneller werdenden Karussell des Lebens korrumpiert zu werden: So wird die kleine Hand des weißen Jungen heiß, wo sie den bösen roten Löwen berührt, der, in einer potentiell sexuell bedrohlichen Weise, „Zähne zeigt und Zunge“ (man gedenke an dieser Stelle des Logos der Rolling Stones). Nicht in der Sprache der Dichter, aber dennoch inhaltlich analog schreibt Rilkes Zeitgenosse Sándor Ferenczi (1873-1933): „Was man bisher als Pubertät schlechtweg bezeichnet hat, ist wahrscheinlich nur eine zweite große Phase der Pubertät, die um die Mitte des zweiten Jahrzehntes einsetzt.“[8] Ginge es nach ihm, könnte man die Kindheit wohl generell als die erste Phase der Pubertät bezeichnen.

Aus dieser Sicht gehen Zeilen 16 bis 19 auf den Beginn der Pubertät „schlechtweg“ ein. Manche der Mädchen sind „diesem Pferdesprunge/ fast schon entwachsen“. Im Gegensatz zu ihren jüngeren Mitreisenden sind sie nicht mehr blind. Sie schauen „auf, irgendwohin, herüber“. Diese drei Worte verdeutlichen das Wesen und die Plötzlichkeit des Schrittes vom Mädchen zur Frau: anfangs blind, schauen sie auf (beginnendes Bewusstsein), irgendwohin (die Qualen der Selbstfindung beim Heranwachsenden), bis sie dann „herüber“ schauen – mit dem ganzen Fokus voll entwickelten Bewusstseins, und vielleicht sogar, im gegenseitigen (An-)Erkennen zweier Erwachsener, direkt in die Augen des Betrachters.

[D]iesen Kindfrauen […] und zarten, jungen Mädchen, die gerade vor dem Erwachen ihrer Sinne stehen, […] mit denen sich die Graphik des Jugendstils und die Literatur der Jahrhundertwende öfters befaßten […], hat Rilke viele Gedichte gewidmet’[9],

besonders in Mir zur Feier. Wie diese ätherischen Wesen, die Rilke glorifiziert, erreicht er selbst jedoch auch nie den Zustand wirklichen Erwachsenseins, bleib er doch stets abhängig von der Spiegel-Funktion aufeinanderfolgender „Mütter“ (die nicht notwendigerweise weiblich sein mussten): Und so zögert das Land der Kindheit auch im Gedicht lange, „eh es untergeht.“

„Das Karussell“ schwimmt 1906 aber auch gegen die große Welle irrationalistischer Glorifizierung des (wahlweise leidenden) Kindes an, die die deutsche Literatur zwischen 1890 und 1920 überschwemmt – zu einem gewissen Grade. Es mag zwar teilweise von jener Bewegung inspiriert worden sein, nicht zuletzt, da Rilke Ellen Keys Das Jahrhundert des Kindes sehr positiv aufnahm und selbst Interesse an der Etablierung liberalerer Schulmodelle wie etwa der schwedischen Samskola zeigte[10]. Nach Wolf Wucherpfennig sind die Hauptaspekte jenes Eskapismus (hin zur Wiederentdeckung des Kindes) im Kampf gegen eine Erziehung zu suchen, die das Kind vom Leben fernhält, sowie in der ‘Flucht vor ungewisser Zukunft und aus unbefriedigender Gegenwart in eine vergangene, glückliche Kindheit.’[11] Allerdings zeigt sich im Erkennen der Eigendynamik der Kindheit sowie in den kaum wahrnehmbaren linearen Veränderungen, die unter der Oberfläche der mechanischen Kreisbewegung des Karussells vor sich gehen, im Gedicht ein poetisches Verständnis von der menschlichen Entwicklung, die weit über einen Einsatz des Kindes als bequemen Stereotyp hinausgeht. Tatsächlich kann man Rilke kaum, wie schon Schank bemerkt, ‘eine Neigung zur pauschalen Idealisierung seiner Kindheit […] nachsagen.’[12]

Abseits solcher Einordnungsversuche hat das Gedicht selbst den Effekt eines sich drehenden Karussells, Farben verwischend wie ein impressionistisches Gemälde: ein rot, ein grün, ein grau werden „vorbeigesendet“, sowie ein roter Löwe, ein blaues Mädchen, ein weißer Junge und, „dann und wann“, ein weißer Elefant. Letzterer funktioniert zweifach: erstens evoziert sein störrisches Wiederkehren in exakt derselben Weise in Vers acht, 15 und 20 perfekt die Kreisnatur des Karussells und, implizit, die der Welt des Kindes, die anscheinend nur ziellos und blind ist, aber auch mit schierer, da vorbewusster Freude gesegnet. Zweitens ist der Elefant bekannt für seine außergewöhnliches Gedächtnis – und damit wiederum eine schmerzhafte Erinnerung an den Beobachter des Karussells wie auch den Leser des Gedichts, dass sie für immer die Fähigkeit des Kindes, atemlos zu vergessen, verloren haben. – Das ist in der Tat eine der, oft bitteren, Wahrheits-Pillen über die condition humaine, die im Zucker des meisterhaften Stils Rainer Maria Rilkes eben nicht (nur) versüßt, sondern vielmehr transportiert wird.



[1] Durs Grünbein, Ein kleines blaues Mädchen. Zu Rainer Maria Rilke ‚Das Karussell’, XII. Druck des Literaturbüros Ostwestfalen-Lippe in Detmold e. V., hg. v. Brigitte Labs-Ehlert, 2007, S. 20.

[2] Ebd., S. 14.

[3] Aus „Das Karussell“, in: Rainer Maria Rilke, Neue Gedichte, Wiesbaden 1955.

[4] Grünbein, wie Anm. 15, S. 14.

[5]„Diese Themen lagen um die Jahrhundertwende in der Luft,“ wie Leppmann zu Rilkes Parallelen mit, in diesem Falle, Nietzsche schreibt (S. 101).

[6] S. Freuds 3 Abhandlungen, in: Freud (1972), 81ff., wo das Kind als polymorph pervers beschrieben wird.

[7] Ebd., S. 97.

[8] Wie von Freud zitiert in seinen 3 Abhandlungen, S. 84f.

[9] Leppmann, S. 110.

[10] S. a. Rilkes Samskola-Essay vom November 1904, in: SW V, S. 672-681; und Rosemarie Raab, „1 Kind für die Zukunft”, Frankfurter Rundschau, 16. Dezember 2000.

[11] Wolf Wucherpfennig, Kindheitskult und Irrationalismus in der Literatur um 1900, München 1980, S. 10. Wucherpfennig weist auch auf Ellen Keys einflußreiches Das Jahrhundert des Kindes hin – die schwedische Feministin war eine gute Freundin Andreas-Salomés und, später, auch Rilkes.

[12] Schank, S. 94.

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