LOU ANDREAS-SALOMÉ

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„Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!“ – der wohl bekannteste Satz von Friedrich Nietzsche. Was es damit auf sich hat, ist allerdings deutlich komplexer, als man zunächst annehmen mag. Genau wie die Dame, auf die er sich bezieht: die russische Intellektuelle Louise von Salomé, genannt schlicht „Lou“.

Auf dem Bild, entstanden 1882 in Zürich, ist es zwar sie, die die Peitsche über Nietzsche und ihren gemeinsamen Freund Paul Rée schwingt. Es war allerdings Nietzsche selbst, auf dessen Bestreben hin die Aufnahme entstand. Die blutjunge Lou von Salomé ließ sich darauf ein; nicht ahnend, dass dieses Foto ihr Bild für die Nachwelt prägen würde: als Muse, Verführerin, femme fatale.

Dabei war sie mehr, viel mehr: Schriftstellerin sowie die erste weibliche Psychoanalytikerin etwa. Geboren 1861 gegenüber dem Winterpalais zu St. Petersburg, ließ sie ihren Taufnamen, zusammen mit ihrem christlichen Glauben, im Alter von achtzehn Jahren hinter sich. Ihr literarisches Début, „Im Kampf um Gott“, veröffentlichte sie unter dem Pseudonym „Henri Lou“. Schließlich wurde sie 1937 im Grab ihres Mannes in Göttingen beerdigt, dessen Gedenkstein lediglich ein schlichtes „Lou“ hinzugefügt wurde.

Lou Salomé (Foto: Sophia Goudstikker)

Dieses Fehlen eines einzigen, klar identifizierbaren Namens kann man als Symbol ihrer schweren Fassbarkeit betrachten. Sie war Muse, Freundin und Geliebte der Crème de la Crème des intellektuellen fin de siècle. Treu blieb sie dennoch – mit der bemerkenswerten Ausnahme Sigmund Freuds (sowohl als Freund wie auch als Vater der Psychoanalyse) – nichts und niemandem außer sich selbst. Oder vielmehr dem Selbst, welches zu werden sie fest entschlossen war: frei und unabhängig.

Eins ihrer „Geschwistergehirne“ war Nietzsche, der sie 1882 in Rom um die Heirat bat. An seine „liebe Lou“, die er für eins der gescheitesten Geschöpfe hielt, deren Bekanntschaft er je gemacht hatte, trug er immer wieder „die alte tiefe herzliche Bitte“heran: „Werden Sie, die Sie sind“. Salomé nahm sich dies zu Herzen – und sagte nein zu Nietzsche, dem sie später eine „rein geistige Bedeutung“ zumaß und gar sagte, sie könne sich ihn aus ihrem Leben wegdenken. Was dieser nie verwandt.

Paul Rée und Poul Bjerre

Vergleichbare Erfahrungen folgten: Sie suchte die platonische Freundschaft, den intellektuellen Austausch mit klugen Männern wie Rée, Knut Hamsun oder Poul Bjerre; der erste und der letzte dieser Reihe begingen (manche sagen: wegen ihr) Selbstmord. Denn die Männer – außer, wiederum, Freud – suchten sie sich fast immer irgendwann zu eigen zu machen, als Ehefrau oder zumindest Geliebte. Salomé wusste um die Risiken einer Bindung zu den Zeiten, in denen sie lebte: Als eine der ersten Frauen überhaupt studierte sie an der Zürcher Universität und verteidigte ihre kostbare Unabhängigkeit – übrigens auch der damaligen Frauenbewegung gegenüber, von der sie sich in keiner Weise vereinnahmen lassen wollte. Deren „wir“ stieß ihr übel auf, denn: „Ich selber weiß doch nur was von ‚ich’!“

Ihre Verweigerungshaltung war also sicher zum Teil politisch bedingt. Doch nicht nur: In ihren Memoiren attestiert sie sich selbst „Reifehemmnisse“, aufgrund derer „die unvollendete Liebeserfahrung einen unwiederholbaren, durch nichts zu überbietenden Zauber“ behielt, „eine Unwiderleglichkeit, die sich die Probe auf das Leben ersparte.“

Lou Andreas-Salomé (rechts), ihr Mann Friedrich Carl Andreas (links) und Rainer-Maria Rilke (2. v. re.)

Irgendwann war das Leben stärker: Vollendet wurde ihre Liebeserfahrung schließlich im Alter von 36 Jahren, und zwar mit dem jungen Rainer Maria Rilke, als dessen „Frau“ sie sich rückblickend bezeichnete. 1901 brach sie dennoch nach vier Jahren die Liebesbeziehung – und, fürs erste, auch jeden Kontakt – mit ihm ab, weil jene immer mehr aus der Balance geraten war und sie selbst Freiraum brauchte, um, wie sie ihm schrieb, „weiter und weiter [zu] wachsen, […] bis in meine Jugend hinein.“ Dass Rilke nur durch die Trennung von der weitaus älteren, und man kann sagen regelrecht vergötterten, Geliebten zu seiner Stimme als Dichter finden würde, hat sie geahnt und gehofft. Und sie behielt Recht. Bereits 1903 konnte Rilke ihr brieflich berichten:

O Lou, in einem Gedicht, das mir gelingt, ist viel mehr Wirklichkeit als in jeder Beziehung oder Zuneigung, die ich fühle; wo ich schaffe bin ich wahr und ich möchte die Kraft finden, mein Leben ganz auf diese Wahrheit zu gründen, auf diese unendliche Einfachheit und Freude, die mir manchmal gegeben ist.

Dies wiederum erinnert allerdings stark an Salomés eigene Vermeidungstaktik:

An einer kleinen Erinnerung wird die Methode, womit ich Zweifel abgehalten haben mag, plausibel: In einem prachtvollen Knallbonbon, mir von meinem Vater anläßlich eines Hoffestes mitgebracht, mutmaßte ich goldene Kleider; als man mich jedoch belehrte, es enthielte nur Kleider aus Seidenpapier mit goldenen Rändchen – da ließ ich es ungeknallt. So blieben darin gewissermaßen doch goldene Kleider.

Friedrich Carl Andreas, der Mann, der schließlich ausgerechnet durch einen Selbstmordversuch vor ihren Augen gewissermaßen erpresserisch ihre Zustimmung zur Heirat errang, hatte auch nicht viel mehr Glück: Eines Nachts wachte Salomé von einem Röcheln auf. Sie stellte fest, dass es von ihrem eigenen Mann kam, den sie gerade würgte, weil er versucht hatte, sich ihr zu nähern. Die Ehe sollte bis zu Andreas’ Tod unvollzogen bleiben.

Dies ist nur eine der vielen Paradoxien, die das Bild der Lou Andreas-Salomé formen: Stets verwies die begabte Psychologin, die als erste Frau und direkte Schülerin die Freudsche Psychoanalyse ausübte, auf die einzig wirkliche Erfüllung des „Weibes“ als Mutter. Selbst verweigerte sie sich einer solchen Rolle lebenslang. Hilft ihre Autobiographie beim Enträtseln?

Kaum: Lous literarische Leistung besteht zwar hauptsächlich in den psychologischen Einsichten ihrer biographischen Darstellungen, die selbst in ihre Romane eingingen; und am meisten werden jene Memoiren beachtet, die, wie ja der Name schon sagt, eine Übung im Gegenteil von Vergessen darstellen. Leider hat sich aber eben dieser Lebensrückblick als eine recht löchrige Flickendecke aus Erinnerungen herausgestellt. Daher bringt er eher Fragen nach Authentizität und Autorschaft zu Tage: Lous Erinnerungen formen schließlich unsere Erinnerung an sie. Wie viel ist „wahr“, wie viel (Selbst-)Stilisierung?

Kurz vor ihrem Tod sagte sie den Satz, der als Motto ihrem Lebensrückblick vorangestellt ist:

Ich bin Erinnerungen treu für immer: Menschen werde ich es niemals sein.

Hieraus spricht ihr tiefer Glaube an das Leben als Kunst. Besser sagt sie es selbst, in ihrem Dank an Freud:

Menschenleben – ach! Leben überhaupt – ist Dichtung. Uns selber unbewußt leben wir es, Tag um Tag wie Stück um Stück, – in seiner unantastbaren Ganzheit aber lebt es, dichtet es uns. Weit, weitab von der alten Phrase vom „Sich-das-Leben-zum-Kunstwerk-machen”; wir sind nicht unser Kunstwerk.

Was bleibt, sind, neben Gedichten von Rilke oder Nietzsches Zarathustra, ungezählte weitere Werke jeden Genres, die von ihr inspiriert wurden oder, direkt oder verschlüsselt, von ihr handeln: die Romane Irvin D. Yaloms, „Und Nietzsche weinte“, und Laura Parianis, „Sehnsucht nach Orta“ (der gelungenere Ansatz!) etwa; oder die Filme Anne-Marie Miévielles, „Lou n’a pas dit non“, und Liliana Cavanis, „Jenseits von Gut und Böse“. Allesamt werfen sie nur weitere Fragen auf, nach Fakt und Fiktion, Kunst und Künstlichkeit eines Lebens. Eine Antwort wenigstens kann an dieser Stelle gegeben werden: Das beste Buch für interessierte Neu-Leser ist sicherlich ihr Briefwechsel mit Rilke. Hierin und im Lebensrückblick finden sich alle Zitate.

Und das mit der Peitsche? Nietzsche sagt diese „kleine Wahrheit“ nicht selbst. Er legt sie einem „alten Weiblein“ in den Mund, das sie wiederum Zarathustra verrät. Über den sagt das Weib: „Seltsam ist’s, Zarathustra kennt wenig die Weiber, und doch hat er über sie Recht! Geschieht dies deshalb, weil beim Weibe kein Ding unmöglich ist?“ Bei Lou jedenfalls war das so. Alles war möglich, und deswegen ließe sie sich auch heute mit Sicherheit keinem Charlotte-Roche-, Kristina-Schröder- oder Alice-Schwarzer-Karren vorspannen. Denn:

Ich selber weiß doch nur was von „ich“!

Zuerst erschienen am 11. Juni 2012 auf Stiehl/Overs Agenturblog.


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