OS-BLOG 1 Hin und (gleich wieder) weg.

freu

Osnabrück – ich wusste nicht, ob es das überhaupt wirklich gibt (ein Schicksal, das es mit Bielefeld teilt. Völlig zu Unrecht natürlich). Und schon mal gar nicht, wo das denn liegen sollte. Und nun war ich plötzlich da, und sollte ganz dorthin ziehen. Da leben. Aus Berlin. Mitte! Als ich nach überstandenem Vorstellungsgespräch an der Uni im Bus zurück an den Hauptbahnhof saß, heulte ich in Höhe des Neumarkts. Nicht obwohl, sondern weil es positiv verlaufen war.

Das gleich erfolgte Update des Freundeskreises übers Handy resultierte keineswegs in den üblichen Glückwünschen, die man beim Ergattern einer Habil.-Stelle in den Geisteswissenschaften hierzulande erwarten würde, dürfte und, in der Tat, müsste. „Oh Gott“, fühlte ein Freund mit. Ein anderer riet: „Zieh doch wenigstens nach Münster!“ Doch es half kein Lamentieren und es halfen keine Vermeidungsstrategien. Es half nichts, ich musste hin an die Hase und weg von der Spree.

What can I say? Drei Jahre später ist der befristete Vertrag ausgelaufen, ich habe ein Kind und gehe mit Elan in die Selbständigkeit. Wo? Hier in Oz, Osnabrooklyn, Osnabronx. „Warum?“ fragen die Freunde wieder fassungslos, „warum nicht in Köln? Berlin? München?“, und fordern unisono: „Du könntest doch jetzt überall hingehen – komm zurück zu uns, wo was los ist!“ Tja. Ich bin selbst überrascht. Lebte ich doch lange in London und je ein paar Jahre in besagten deutschen Großstädten. Warum eigentlich Osnabrück?

Wenn Osnabrück eine Langspielplatte wäre, ein Album, wäre es ein „Grower“. Beim ersten Hören hauen einen die Songs nicht eben um. Es glitzert nicht golden und protzig an den Gebäuden wie in Münster. Aber es ist echt, und grün, und durchaus lebendig, und man kann auch nach dem x.ten Hören immer noch Neues entdecken. Einige Songs haben sogar echtes Potenzial zum dauerhaften Lieblingsstück.

Zum Beispiel traute ich mich schon beim zweiten Besuch über den optisch zugegebenermaßen optimierungsfähigen Neumarkt hinaus und fand mich in einer bezaubernden Altstadt wieder. In England hat man sehr treffende Vergleiche für eine solch geballte Menge an Fachwerkgebälk, engen Gässchen und genereller Malerischkeit: mit „tea towel“ oder „chocolate box“-Motiven nämlich, und das trifft auf die Gegend rund um das Rathaus und die Gotik-Kirche St. Marien absolut zu. Wikipedia behauptet gar, der Marktplatz versprühe „mittelalterliches Flair“ – zu Recht.

Weitere Highlights, die mich nach und nach und immer wieder flashten: Ein wunderschöner Dom, an dem samstags morgens lebhaftes Markttreiben stattfindet. Der Spielplan des Theaters, wirklich alles andere als provinziell. Eine mehr als anständige Shoppingmeile mit zahlreichen netten Cafés zum Verweilen. Ein Spaziergang durch die hübsche grüne Katharinenstraße, über den Westerberg mit seinen prunkvollen Villen hinauf zum Wald. Dort kommt plötzlich zwischen den Bäumen ein herrlich großer See zum Vorschein, zu umrunden in 30 Minuten Waldrandspaziergang. Wer sich nicht spätestens bei der anschließenden Einkehr mit Seeblick bei leckerem Kuchen im Café am Rubbenbruchsee wie in der Sommerfrische in Kanada fühlt, dem kann auch nicht mehr geholfen werden.

Meine Wohnung fand ich schließlich in der Wüste, neben dem Katharinenviertel das bohèmigste. Zentrums- und naturnah; es gibt sogar eine große Schrebergartenkolonie an ihrem Rand, gleich hinter dem prächtigen Moskaubad, wo zweimal im Jahr ein großer, kultiger Flohmarkt stattfindet. Zunächst lebte ich hier allein, und das sehr gut, fußläufig zur Uni, der Innenstadt und meiner Stammkneipe für twenty- to fortysomethings und Musik-Nerds, dem Grand Hotel. Dann kam meine Tochter…und alles wurde anders.

Aber genug für heute – ich muss los auf die Straßen, für euch weiterforschen, -fragen und -feiern. Stay tuned für den 2. Teil vom OS-Blog, wieder mit jeder Menge Tipps für andere Hergezogene und solche, die es werden wollen. Oder müssen. Aber dass es Schlimmeres gibt – das könnt ihr mir wirklich glauben. Welcome, bienvenue and join the club! See you in OS.

Eure Katja Brunkhorst


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