OS-BLOG 7 Ja, es gibt hier auch einen Hafen. Wo nette Kreative Anliegen anlegen.

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Letzten Montag war was los am Hafen. Ja, Osnabrück hat einen Hafen! Nach fast vier Jahren an Nette & Hase habe ich das dann auch mal mitgekriegt, aber auch nur, weil dort etwas veranstaltet wurde, wo ich schlicht hin musste.

Kreative Lebensläufe war für mich, liebe Gemeinde, gleich aus mehreren Gründen Pflichtprogramm. Erstens waren nicht nur Stadt und Hochschule Veranstalterinnen, sondern auch die euch von mir bereits aufgedr…, äh, ans Herz gelegte Interessenvertretung der hiesigen Kultur- und Kreativwirtschaft, k-quadrat. Zweitens versprach man, Gründe für und, ja, auch gegen Osnabrück als Standort für innovative Gründer zu benennen. Gehen hier erfolgreich Kreativbiographien, oder gehen Erfolgreiche woanders hin? Um ein Podiumsgespräch herum sollte einer der Talk-Gäste gleich ein absoftendes Musikrahmenprogramm mitliefern. Sowas kann funktionieren, muss es aber nicht. Am Montag tat es das, vor, wie ich finde, spektakulärer Kulisse.

Bei der Anfahrt denken ich und mein Navi noch: „Oh Gott, das ist ja j.w.d. hier“, aber das Gelände beeindruckt: Die Hochschule Osnabrück hat ein Händchen bewiesen in der Auswahl der alten Heeresbäckerei zu ihren neuen Räumlichkeiten. Eine halb zugewucherte Flugzeuglandebahn, Fluss- und Waldlandschaft sowie Industrie-Ruinen lassen mich wünschen, wieder Kind zu sein. Ein Abenteuerspielplatz! Wie ich höre, übrigens auch noch weiter gewerblich nutzbar. Interessenten mögen sich an den Fachbereich Stadtentwicklung und Integration wenden. Ende der Werbepause! Und weiter im Text:

Im Gebäude 48 selbst stehen schon ein paar Leute herum und Getränke bereit mitten in Fabian von Wegens Soundcheck. Es hallt melancholisch im weiten weißgetünchten Raum, draußen macht der Mai endlich Stimmung, und die Halle füllt sich allmählich. Schön: Ein regelrechtes Summen erfüllt bald die Luft, auf Neudeutsch: Buzz. Macher netzwerken mit Newcomern, Studenten und „Ich mach’ was mit Medien“-Menschen-Schrägstrich-Künstler treffen auf den Oberbürgermeister, den Hochschulpräsidenten sowie die Vizepräsidentin der Uni. Nur eure Blogfee (it’s my Bloggy, I’ll call myself what I want to!) sitzt magenverstimmt und „Mist, heute kein Wein!“ murmelnd in der Ecke und schreibt fleißig für euch mit.

Und dann – gong! – ist der Ring eröffnet! Holger Schwetter, k-quadrat-Head-Honcho, und Patricia Mersinger von der Stadt sind die Schiedsrichter; in der ersten Runde stellen sie die sechs auserwählten Macher vor: alles Leute, die entweder aus Osnabrück und seinen Hochschulen kommen oder aber hier ihr Geschäft betreiben. Allesamt sind sie mindestens national erfolgreich, die meisten sogar international aktiv. Ein spannendes Kommunikationsbüro ist dabei; abgefahrene Lasertechnik, die bei Metallica-Live-Shows zu bewundern ist; eine theaterpädagogische Werkstatt hier in der Stadt; ein Berliner eBooks-, ja, man kann sagen mittlerweile: Riese; eine Eventagentur und ein Modelabel. Und natürlich Herr von Wegen, Absolvent des hiesigen Pop-Studienganges, der trotz seines sich anbahnenden Erfolgs bleibt und sagt: „Osnabrück ist halt einfach nett. Man hat hier eigentlich auch alles, man muss sich nur drum kümmern.“

Nett! Das war dann auch der Tenor der Antworten auf Mersingers Fragen, was man als Gründer bräuchte und ob Osnabrück das auch bieten kann: Es sei ein guter Ort, sich zu erden durch die Kürze aller Wege inmitten grüner Wälder, samt guter Verkehrsanbindungen. Patrick Voigt vom Kommunikationsbüro 22quadrat (der rechts auf dem Bild oben; neben ihm sein Partner Denis Vidinski) drückt es ein Quäntchen provokanter aus. Er sei überregional derart beschäftigt, dass er ab und an ein Bedürfnis nach Leere habe. Die findet er hier, wo er „keine große Überbelastung“ hat, „geistig“, denn: „Osnabrück ist mein Nullpunkt geworden.“ Das Publikum schnauft zwar teils empört, teils amüsiert; aber wie schreibt schon Wordsworth, oder war es Coleridge? Das Geheimnis der Kreativität liegt für die Begründer der Romantik jedenfalls in der „recollection in tranquility“, will heißen: rausgehen, exzessiv viel erleben (in Berlin zum Beispiel), und dann auf der Couch in Ruhe das Unbewusste verarbeiten lassen. Am Nullpunkt. In Osnabrück! Patrick (im Bild unten der rechte) hätte es nicht schöner sagen können.

Genau das schuckelige, muckelige ist es aber auch, was an der Stadt einigen aufstoßen kann. Aufstoßen würde etwa Anna Pallas gerne Türen zu noch mehr und noch experimentellerem in der lokalen Theaterlandschaft: „Die Leute machen es sich so superschön in ihren Gärten! Und da gibt es wenig Interesse an Innovativem, Performativem, Aggressivem.“ Boris Pistorius war anderer Meinung, Schwetter schlichtete. Patrick Voigt sagte: „Ich seh’ die Verantwortung viel mehr beim Volk“, denn: Man kann hier wirklich etwas bewegen, wenn man es denn will.

Der Professor, der das Gebäude gestaltet hat und Hofmann heißt, fand ganz zum Schluss, dass die leidenschaftliche Diskussion Mut macht. Stimmt! Und mal ehrlich: dass es hier zu schön und gemütlich ist, das ist ein Problem, mit dem ich leben kann.

Die anschließende Führung durch die leer stehenden Gebäude, die auch kreativ genutzt werden wollen, soll toll gewesen sein. Der Wein auch; letzte Netzwerker verließen Gerüchten zufolge nach Mitternacht leicht torkelnd das Gelände. Moi lag da schon brav mit Wärmflasche zu Bett, von Riesenbrotlasern auf Bücherlandebahnen träumend.

Stay creative, Osnabrück!

Eure Katja Brunkhorst

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